Der Wagen war ganz schön dick aufgetragen.
Ich versuchte ein Gesicht, von dem ich dachte, dass es gut zu rotem Lack und schwarzem Leder passen würde.
»Sag mal, wen willst du denn mit diesem Mad-Max-Teil erschrecken?«
Key spielte mit, aber anders: »Zieh das Jackett aus.«
Er trug wieder seine schwarze Sonnenbrille.
»He, Mann, was soll das.« Ich hatte einen Ton gewählt, der mir für einen Streetfighter aus L. A. angemessen erschien. Ich war noch nie in L.A. gewesen.
So plötzlich, wie er angefahren war, brachte Key den Wagen wieder zum Stehen. Er riss sich die Sonnenbrille aus dem Gesicht und warf sie aufs Armaturenbrett.
»Zieh endlich die verdammte Jacke aus!«
Ich saß gegen die Lehne gedrückt und konnte mir auf diesen Anfall keinen Reim machen. Dass er es auf die Jacke abgesehen hatte, konnte nicht daran liegen, dass sie bei mir schlecht saß.
War es Keys Jacke?
Wortlos zog ich die Jacke aus und hielt sie ihm hin. Mit »Ist das vielleicht ein Überfall?« versuchte ich einen nicht sehr gelungenen Scherz.
Key nahm die Jacke und klopfte sie ab. Die Davidoff-Schachtel flog auf das Armaturenbrett. Eine Hand verschwand in der Innentasche. Nach dem zweiten kräftigen Ruck riss das Futter auf. Es regnete kleine, weiße Plastiktüten aus der Jacke in Keys Schoß.
Er lehnte sich zurück.
Ein Adrenalinstoß jagte durch meinen Körper: DROGEN!
Damit hatte ich nichts zu tun. Alkohol, ja. Einen kiffen?
Gern! Alles Andere war alles Andere!
Langsam drehte Key den Kopf zu mir. In seinem Gesicht lag gnadenlose Müdigkeit. Es war sehr still und heiß im Wagen.
Keys Augen flackerten.
Der TransAm schien mir plötzlich wie das Innere einer Klapperschlange. Außer einem leichten Zittern in den Knien verkniff ich mir jede Art von Meinungsäußerung. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment würde sich ein großkalibriger Revolver auf mich richten.
Key warf das Jackett hinter sich. Vier, fünf Tüten wippten in seiner linken Hand, die Rechte lag locker auf dem Lenkrad.
Ich dachte, dass es vielleicht das Beste wäre, so zu tun, als wäre ich gar nicht da. Also schaute ich konzentriert aus dem Fenster. »Das Beste, was man haben kann, ist eine gute Versicherung« stand auf dem Plakat. Der Satz enthielt viel Weisheit.
»Das war alles reiner Zufall, oder?« Keys Stimme war nicht unfreundlich.
Ich nickte hastig. »Keine Ahnung! Ich habe von diesem Kram nichts gewusst, ich weiß auch jetzt nichts. Ich weiß, das klingt blöd, aber ich weiß nicht einmal, wie ich zu der Jacke gekommen bin. Als ich heut morgen aufwachte, hatte ich sie an. Mehr weiß ich nicht.«
»Wo bist du aufgewacht?«
»Im Kleistpark«, sagte ich. Die Geschichte war unangenehm, auch unter Männern. »Ich glaube, ich hatte einen zuviel getrunken.«
Key lachte sehr leise und sehr intensiv. Es war wie ein anfallartiges Schütteln, das durch seinen Körper lief. Das Wort Kleistpark schien ihn besonders zu amüsieren. »Du hast nicht nur einen zuviel getrunken, mein Freund, du warst sturzbesoffen. Und was die Jacke betrifft – die hast du geklaut.«
»Nein!«
»Doch.«
Ich wollte mich nicht als unkooperativ erweisen, und außerdem – mit diesem versunkenen Kontinent in meinem Gedächtnis hatte ich allen Grund zur Zurückhaltung.
»Deine Jacke?« fragte ich zaghaft.
Key winkte ab. »Wenn sie das mal wäre… aber so…
Sagen wir, du hast sie mitgenommen, wenn dir das lieber ist. Sagen wir auch, du warst nicht besoffen, sondern außer dir. Das geht alles noch und kann Jedem mal passieren, aber…« Er holte tief Luft. »Ärgerlicherweise gehört die Jacke einem Bekannten, mit dem ich in der Paris Bar ein Geschäftsessen hatte. Ärgerlicherweise hatte ich mit deinem Auftauchen nicht gerechnet. Ärgerlicherweise bin ich dann davon ausgegangen, dass du damit beschäftigt bist, die Trine unterm Tisch zu befummeln und deshalb keinen Wert auf alte Freunde legst. Erinnerst du dich soweit?«
Ich erinnerte mich.
»Irgendwie seid ihr wohl unterm Tisch nicht so klargekommen, was? Oder hat dir Jungsiegfried einen auf den Finger gegeben? Egal. Jedenfalls bist du plötzlich aufgestanden und mit sehr ausgefallenen Bewegungen zu mir rüber gekommen. Das Problem war nicht, dass ich dich dem Bekannten nicht hätte vorstellen können, sondern dass du offensichtlich in einer anderen Realität warst. Deshalb bin ich kurz abgetaucht. Du hast dich aber nicht täuschen lassen, sondern begonnen, meinen Namen zu rufen.«
»Ich habe deinen Namen gerufen?« Wie peinlich.
Key nickte.
»Na ja, diese Filmparty war eine ziemlich trübe Angelegenheit … ich dachte …«
»Die Party war übel. Das mag einiges entschuldigen …
Du bist also doch bis zu dem Tisch vorgedrungen, an dem ich saß, beziehungsweise nicht mehr saß. Und plötzlich – schwupp – hast du dir die Jacke gegriffen, und noch ehe jemand reagieren konnte, bist du aus dem Laden gestürzt. Als du draußen warst, sind dir ein paar Jungs nachgegangen. Sie sollten dich bitten, die Jacke wieder herzugeben. Wenn sie dich gekriegt hätten, hätten sie dich in einen Hauseingang mitgenommen und hätten dir ein wenig Nase und Hoden gequetscht. Ich konnte sie dann aber beruhigen und davon abhalten, weiter nach dir zu suchen, indem ich ihnen versicherte, daß wir das heute alles wieder in Ordnung bringen. Also, where is the beef?«
Es ist eine dumme Situation, wenn die Wahrheit zu dämlich klingt.
Vielleicht ist das ein Grundproblem von Wahrheit. Ich schwitzte wie ein Schwein, war müde und hatte keine Lust auf eine Story. »Hör zu, Key«, sagte ich, »ich weiß es nicht. Sicher habe ich das Jackett mitgenommen. Vielleicht habe ich es mit meinem verwechselt, vielleicht habe ich gestern
Nacht die ganze Welt verwechselt. Als ich wieder wusste, wie ich heiße, lag ich im Kleistpark, wurde von einem Riesenschnauzer wach geküsst und habe in diesem Jackett Zigaretten gefunden, aber kein Feuer. Von den kleinen Tüten da hatte ich keine Ahnung.«
Key grinste in sich hinein, seine Mundwinkel reichten ihm fast an den Nabel. »Glaub ich dir.«
Mir fiel so was wie Blei vom Herzen. Dasselbe Blei, aus dem man Revolverkugeln macht. Und wenn man dafür kein Blei nimmt – auch egal. Ich wollte raus aus der Geschichte, ich wollte raus aus diesem Amischlitten. Ich versuchte einen Abgang. »Okay, du hast das Jackett wieder, ich habe noch Nase und Hoden. Ich glaube, das ist ein Ausgang, mit
dem alle Beteiligten zufrieden sein können. Da vorne fährt die S-Bahn, die nächste werde ich erwischen. Ich habe wirklich nichts gewusst.« Ich langte nach dem Türöffner. Die Zentralverriegelung klackte hart.
»Du bleibst sitzen.«
Meine Stimme war viel lauter, als ich wollte und objektiv Betrachtet klang sie ein wenig nach Angst. »Verdammt noch mal, ich habe nichts gewusst. Nichts. Ich habe deine Bekannten nicht erkannt. Ich kenne dich nicht, wenn du das willst. Es tut mir leid. Reicht das nicht?«
Keys Lächeln besaß eine Anzahl von Facetten. »Nein. Es reicht nicht. Denn jetzt weißt du ja Bescheid. Und jemand, der Bescheid weiß, kann nicht einfach gehen. Das verstehst du doch?!«
So muss sich ein Zobel im Fangeisen fühlen. Ich spürte, wie mir die Haut über die Ohren gezogen wurde. Ein Lkw donnerte vorbei – schon eine andere Welt. Als ich das Grinsen neben mir sah, gingen meine Fäuste einfach auf. Ich war müde. »Lass mich abhauen, bitte.«
»Angst?«
»Ja«, sagte ich. »Und es beruhigt mich auch nicht, dass irgendwelche Leute Körperteile von mir zerdrücken wollten. Und dieses Auto sieht aus, als könnte es in jedem gemeinen Krimi mitspielen. Und ich weiß nicht, was du
jetzt vorhast. Aber ich bin müde, und ich habe einiges darüber gelesen, was Leute mit Leuten machen, die ihnen bei ihrem Geschäft in die Quere kommen. Und du grinst mich an wie ein Dreigroschenmafioso und fragst mich, ob ich Angst habe? Ja, ja, ja, ich habe welche!«
Meine Faust donnerte gegen das Armaturenbrett. Der Wagen wippte leicht. Ich holte wieder aus und traf Keys Handgelenk, als er seinen Arm schützend vor den Wagen hielt.
»Was du da eben gesagt hast, gefällt mir nicht«, sagte Key und rieb sich den Unterarm, »und vor allem nicht, wie…
Wenn ich was nicht leiden kann, dann ist es so eine Opferhaltung… sicher bist du eine Pfeife, die noch nicht gelernt hat, unter was für Leuten man sich besaufen kann und unter was für Leuten nicht. Regel: In der Paris Bar ja, aber nur, wenn du wenigstens einen Hauch von Prominenz hast … aber als Opfer… wer will das wissen?«
Ein angenehm kühler Luftstrahl kam aus dem Fond. Key lehnte sich zurück. Vom Fauchen der Lüftung abgesehen, war es absolut ruhig.
Ich zog die Türsicherung auf und öffnete die Tür. Ein schwarzer Käfer knackte unter meinen Schuhen, der Himmel der westlichen Welt war weit und blau.
»Steig wieder ein«, sagte Key so beiläufig wie jemand, der einem die Uhrzeit sagt, »wir sind zum Essen eingeladen. Ich möchte dich mit jemandem bekannt machen. Es ist ein Geschäftsmann: Schlitzer, Alfred Schlitzer heißt er. Ich arbeite manchmal für ihn. Nicht weil er besonders sympathisch ist, sondern weil er mir nützt. Ich habe ihm von dir erzählt, dass du einen Job oder so was Ähnliches suchst. Er möchte dich kennenlernen.«
Es klang, als wäre das die einzige Möglichkeit nach dem, was eben passiert war.
Tote lädt man nicht zum Essen ein. »Meinst du mich?« Ich versuchte, die Reste des Käfers von der Sohle zu kratzen.
»Nein«, Key ließ den Motor aufheulen, »das war ein Gehörtest, und jetzt komm. Schlitzer wartet nicht gern.«
»Was hast du ihm von mir erzählt?«
Key legte den ersten Gang ein. »Na das, was du mir gestern gesagt hast, dass du mehr etwas Besonderes bist als kannst und mal beim Rundfunk gearbeitet hast…«
Etwas von zu vielen Tequilas auf nüchternen Magen grummelnd, ließ ich mich wieder ins Leder sinken. Aber dann hielt ich es doch nicht aus. »Was will er denn?«
Der Wagen glitt langsam in den dichter werdenden Verkehr, und ich saß wieder drin.
»Das wird er dir selber sagen.«
Die Klimaanlage hatte meinen Angstschweiß fast wieder getrocknet. Ich wischte mir die Hände an der Brust ab. Der Geldclip drückte mir in den Hintern. Ich hatte ihn vergessen!
Key hatte nicht danach gefragt. Vielleicht wusste er nichts davon. Ich war mir nicht klar darüber, was das bedeuten konnte. Jetzt war es zu spät.
»Darf ich? «
Ich fischte eine Kassette aus dem Handschuhfach und schob sie ins Tapedeck. Ein altes Stück von Led Zeppelin legte sich über das Röhren der acht Zylinder. Mit geschlossenen Augen drückte ich die Lippen an den Unterarm. Er schmeckte nach dem Salz, das von der Angst zurückgeblieben war. Es schmeckte wie richtiges Leben.